UNO-Beitritt und Kirche

Ausschuss für Soziale Fragen der Evangelisch-methodistischen Kirche
Verfasser: Thomas Bolleter © Copyright Ausschuss für Soziale Fragen 2002  

Im Moment geistern Informationen und Gegeninformationen über die UNO, die Neutralität und die Schweiz kreuz und quer durch Zeitungen, Zeitschriften und über Unmengen von Werbeflächen. Auch der Ausschuss für Soziale Fragen (KA24) der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) hat sich im letzten Jahr mit dem Thema beschäftigt im Rahmen der UNO-Vernehmlassung des Bundes. Er ist der Überzeugung, das die eigentlichen Ziele der UNO wesentlich christlichen Grundwerten entsprechen: Bewahrung der Schöpfung, Friede und Gerechtigkeit für alle Menschen. Daher tritt der Ausschuss klar für einen Beitritt der Schweiz zur UNO ein.

Was ist die UNO?
Die UNO setzt sich ein für Frieden und Sicherheit, Entwicklungsaktivitäten und humanitäre Hilfe, Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung und für den Schutz und die Förderung der Menschenrechte.
Die UNO beinhaltet verschiedene, wichtige Organe (es gibt noch weitere: zum Beispiel den Internationalen Gerichtshof):

  • Die Generalversammlung, zu der sämtliche Mitglieder der UNO gehören – also praktisch alle Länder der Welt – besammelt sich mindestens ein Mal pro Jahr.

  • Der Sicherheitsrat besteht aus den fünf Ständigen Mitgliedern (USA, Russland, China, Frankreich und Grossbritannien) und zehn Nichtständigen Mitgliedern, die jeweils für drei Jahre in den Rat gewählt werden. Er trägt die Hauptverantwortung für die Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit. Speziell (und häufiger Kritikpunkt) ist, dass die Ständigen Mitglieder mit ihrem Vetorecht Mehrheitsentscheidungen des Rates blockieren können. 

Die Sonderorganisationen der UNO sind teilweise wohlbekannt. Da wären zum Beispiel die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), das Welternährungsprogramm, die Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO), die Weltgesundheitsorganisation (WHO), der internationale Währungsfond (IMF), das Kinderhilfswerk (UNICEF) oder der Weltpostverein (UPU). Diese Organisationen sorgen in ihren Bereichen für internationale Strukturen und ermöglichen überstaatliches, globales Handeln. Für Probleme, die über die Lösungskompetenz einzelner Staaten hinaus gehen sind sie unerlässlich – so für die Bekämpfung des internationalen Terrorismus, der organisierten Kriminalität, von Umweltzerstörung, von Armut oder unkontrollierbarer Migration.  

Eher negativ ins Gespräch kam die UNO in den letzten Jahren unter anderem aus zwei Gründen:

  • Der UNO und vor allem dem Sicherheitsrat wird vorgeworfen, von den Grossmächten bzw. den Ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrates dominiert zu werden. Hier gilt festzuhalten, dass eine Dominanz der Mächtigen sicherlich vorhanden ist. Allerdings wären diese auch ohne UNO dominant, mindestens ebenso sehr. Immerhin lassen sie sich in die Strukturen der UNO einbinden, was mit dem Veto-Recht “erkauft” wird.

  • Einige der friedensfördernden Missionen trafen auf Schwierigkeiten, so etwa in Angola oder in Ex-Jugoslawien. Dies wird als Anzeichen für die Schwäche der UNO gewertet. Dem ist entgegenzuhalten, dass über 40 Missionen meist erfolgreich verliefen.

Die Schweiz und die UNO
Die Tradition einer gemeinsamen Zusammenarbeit der Schweiz und der UNO kann sich sehen lassen: der europäische Hauptsitz der UNO befindet sich in Genf, die Schweiz beteiligt sich personell und finanziell in den verschiedenen Organisationen, bezahlt dafür insgesamt etwa 480 Millionen Franken pro Jahr und hat einen Beobachterstatus an der Generalversammlung in New York.
Die Veränderungen der letzten Jahre der UNO und der allgemeinen Weltlage haben die meisten Begründungen für eine Ablehnung eines UNO-Beitritts der Schweiz hinfällig werden lassen. Nach wie vor bleibt die Neutralität der Schweiz ein wichtiger Punkt.
Im Prinzip kann davon ausgegangen werden, dass die Schweiz sich auch in der UNO nicht grundlegend anders verhalten wird als ausserhalb und daher genau so neutral bleiben wird wie bisher. Bereits jetzt macht die Schweiz bei Wirtschaftssanktionen der UNO gegen andere Staaten (den Irak zum Beispiel) mit und sieht damit ihre Neutralität nicht gefährdet. Da bewaffnete Truppen nur auf Grund von Sonderabkommen der UNO mit den einzelnen Staaten unter Berücksichtigung der jeweiligen Verfassungen gestellt werden können, wird die Schweiz in den nächsten Jahren keine Truppen stellen müssen. Die meisten anderen UNO-Mitglieder stellen ebenfalls keine Truppen. Ausserdem ist darauf hinzuweisen, dass neutrale Länder wie Schweden oder Österreich ihre Neutralität in der UNO aktiv unter Beweis stellen.

Die EMK und die UNO
Die Evangelisch-methodistische Kirche hat bei der UNO als Nicht-Regierungsorganisation (NGO) auf verschiedenen wichtigen Gebieten ein Mitsprache- und Beratungsrecht. Sie ist, zusammen mit anderen Kirchen – eine wichtige Partnerin in vielerlei Bereichen: Entwicklung, Rechte von Frauen, Gesundheit, Soziales und vieles mehr. Die United Methodist Church leistet beispielsweise die grössten nichtstaatlichen, finanziellen Beiträge an die UNICEF.
Das UNO-Büro des General Board of Church and Society, sozusagen der höchste Ausschuss für Soziale Fragen der Evangelisch-methodistischen Kirche, versteht sich als Schaltstelle zwischen UNO, Kirche und Mitgliedern. Dank seinem konsultativen Status bei der UNO können Anliegen eingebracht werden. Wichtig, um den eigenen Ideen Verhör zu schaffen, ist ein gut funktionierendes Netzwerk verschiedener Nicht-Regierungsorganisationen. Um dieses Netz zu pflegen ist das Büro vor Ort eingerichtet worden.
Generell möchte der Ausschuss für Soziale Fragen betonen, dass die grundlegenden Ziele der UNO auch vom Christentum mitgetragen werden können, ja sogar: müssen. Wo es um Weltfrieden, Gerechtigkeit für Hilfsbedürftige, Unterstützung von Flüchtlingen oder um die Hilfe für Kranke geht, führt kein Weg mehr an der UNO vorbei.
In den Sozialen Grundsätzen der EMK werden die Ziele der Kirche in der UNO beschrieben: Ein Ziel ist, die Gesamtheit des menschlichen Lebens, der Aktivitäten, der Besitztümer, der Verwendung von Ressourcen und der Beziehungen zwischen der Gemeinde und der Welt in Übereinstimmung zu bringen mit dem Willen Gottes.
Übereinstimmend mit den Zielen der UNO sollen Gerechtigkeit, Freundlichkeit und Bescheidenheit gelebt werden. Menschen sollen ermutigt werden, Verantwortung zu übernehmen für sich und für andere, ihre Möglichkeiten einzubringen in die Gemeinschaft zum Nutzen aller.
Sowohl für die UNO als auch für die Kirche ist der Respekt vor dem Menschen und seinen Rechten grundlegend. Diese gemeinsame Basis sollte betont werden, wenn Überlegungen angestellt werden zu einem UNO-Beitritt der Schweiz. Auf Grund dieser Basis wird schliesslich Hunger genau so bekämpft wie Rassismus, Armut genau so wie die Ungleichbehandlung von Mann und Frau. Diese humane Seite der UNO gilt es zu betonen, auch wenn die machtgesteuerte Seite öfter in Zeitungsmeldungen auftaucht.

Was bringt uns die UNO?
Streng genommen haben wir kaum direkte, materielle Vorteile von einem UNO-Beitritt. Wir zahlen etwas mehr, können ein bisschen mehr mitreden, aber was bringt schon unsere kleine Stimme im Konzert der Grossen? Wir vom Ausschuss für Soziale Fragen sehen das aber umgekehrt: Warum nicht beitreten? Die UNO ist – trotz aller Schwächen, trotz aller Probleme – am besten geeignet, schwierige, globale Themen anzugehen.
Überhaupt sollte für einmal nicht die Frage gestellt werden: Was bringt uns die UNO? sondern: Was können wir für die UNO tun? Eine ganze Menge, das scheint uns klar.  

Winterthur, Januar 2002

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