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Kirchliche Geldanlage -
Grundsätzliche Überlegungen
(Der folgende Text wurde vom Kirchenvorstand der
Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) Schweiz/Frankreich der Jährlichen
Konferenz (Synode) 1991 vorgelegt und 1993 in der abgedruckten Form angenommen.)
1. Abriss
2. Einleitung
3. Theologische Überlegungen
4. Sozialethische Überlegungen
5. Anlageethische Überlegungen
6. Kriterien und Beispiele
7. Empfehlung
8. Literatur, Hinweise
1. Abriss
Kirchliche Geldanlage
muss sowohl ökonomischen wie auch ethischen Anforderungen genügen. In der
Geldanlage der kirchlichen Arbeitszweige muss etwas von der biblischen Hoffnung
auf Gerechtigkeit erkennbar werden. Die Arbeitszweige werden eingeladen, eine
konkrete Verpflichtung für eine langfristige ethische Diskussion ihrer Geldanlage
einzugehen. Eine solche Diskussion soll als Hilfe für diese Arbeitszweige wie
auch für den/die Spender/-in und Investor/-in dienen.
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2. Einleitung
Kirchliche Geldanlage
ist nicht von vornherein als gut zu bezeichnen. In den letzten Jahren hat sich
verstärkt die Meinung durchgesetzt, dass gerade die Geldanlage der Kirche neu
ausgerichtet werden muss, oder zumindest deren Folgen und Mitwirkungen im Wirtschaftskreislauf
näher betrachtet werden sollten. Im vorliegenden Papier, welches durch den vom
Kirchenvorstand beauftragten Ausschuss "Anlageethik" verfasst wurde,
werden einige grundsätzliche Überlegungen dargestellt.
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3. Theologische Überlegungen
Von allem Anfang an
geht es Gott um Befreiung und Gerechtigkeit. So verhalf Gott zum Beispiel
Sklaven zur Flucht, also zur Freiheit.
Diese biblische
Erinnerung muss zu kritischen Fragen an die Ziele menschlichen Wirtschaftens
führen. Orientiert sich unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem und unser Verhalten
als Kirchen und als Christen innerhalb dieses Systems an der biblischen Ausrichtung
der Befreiung und des Wohlergehens der ganzen Schöpfung?
Wir erkennen dabei,
dass unsere bestehende Wirtschaftsordnung vielfach lebensfeindlich ist. Ganze
Völker verarmen, die natürlichen Ressourcen werden in wenigen Jahrzehnten
ausgebeutet, und an den "Gesetzen des Marktes" leiden Menschen
tagtäglich sowohl physisch wie auch psychisch. Wer überleben will, muss die
Mitgeschöpfe als Konkurrenten betrachten. In diesem System, wie wir es heute
praktizieren, liegt etwas "Böses", dem man sich nicht entziehen kann.
Die oben angesprochene
göttliche Perspektive zeigt uns aber einen anderen Weg; nicht Lebensfeindlichkeit,
sondern Lebensförderung steht im Vordergrund. Im "System Gottes"
werden Menschen zu Mitmenschen und zu Nächsten; nicht die Konkurrenz bestimmt
das Denken und Handeln. Die gegenseitige Hingabe - das Dienen - ist aber so
anders, dass wir es allzu oft als nicht gangbaren Weg betrachten.
Als Glaubende sind wir
berufen, die Akzente des "ganz anderen Systems" zu setzen. Dabei geht
es um echte Zeichen der Hoffnung und nicht um das Einfügen anfälliger
christlicher Elemente im bestehenden System. Es geht darum, einen
Herrschaftswechsel zu signalisieren. Gott will uns, will die gesamte Schöpfung
befreien und uns mitnehmen zu einer lebensfördernden Wirtschaft. Wir sind
aufgefordert, unser Wirtschaften und Handeln nach dem auszurichten, was im
Sinne von Gottes schöpferischer Liebe Leben fördert.
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4. Sozialethische Überlegungen
Zwei Aspekte prägen
die Diskussion um die Problematik der kirchlichen Geldanlage unter sozial
ethischen Gesichtspunkten:
-
a) Die meisten kirchlichen Institutionen und
Organisationen müssen Geldanlagen tätigen, um ihren finanziellen
Verpflichtungen, die sich aus ihren Zielen und allenfalls aus gesetzlichen
Vorschriften ergeben, nachkommen zu können. Sie brauchen zum Beispiel Mittel
für Besoldungen, Altersvorsorge oder auch für den Ausbau der notwendigen Infrastruktur.
Dieser erste Aspekt bezieht sich also auf die Verantwortung gegenüber
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie auf den Organisations- und
Institutionszweck. Die Betrachtung der Geldanlage unter diesem Aspekt allein
genügt jedoch nicht.
-
b) Jede Geldanlage und jede Geldverwaltung beinhaltet auch immer
Auswirkungen sozialer, ökologischer und entwicklungspolitischer Art. Die
Verantwortlichen müssen sich deshalb die Frage stellen, inwieweit die oft
bedrohlichen und zerstörerischen Wirkungen der üblichen Wirtschaftsweise durch
kirchliche Geldanlagen verstärkt bzw. abgeschwächt werden. Geldwerterhaltung und
Sicherung des Besitzes sind daher für sich allein keine legitimen Ziele. Sie
müssen durch Ziele ergänzt werden, welche dem Wohlergehen der Schöpfung dienen.
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5. Anlageethische Überlegungen
Kirchliche Geldanlage
und -Verwaltung kann durchaus ökonomische Überlegungen, das heißt Werterhaltung, Sicherheit, Liquidität und falls notwendig Wertvermehrung beinhalten.
Ebenso gilt, dass Christen und christliche Gemeinschaften immer wieder die Erfahrung
machten, dass wenn Gott ihnen eine konkrete Aufgabe stellt, er ihnen auch die
notwendigen Mittel schenkt.
Die kirchliche
Geldanlage muss jedoch auch dem Anspruch der Ethik gerecht werden. Überlegungen
zur Anlageethik führen uns zum Begriff Gerechtigkeit. Können wir als Christen
mit den uns zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln zur Vermehrung der
Gerechtigkeit beitragen? Fragen nach Sinn und Zweck von produzierten Gütern,
Fragen des Verhältnisses zwischen Nord und Süd sowie Fragen des Schutzes und
der Erhaltung unserer Schöpfung werden damit angesprochen. Wenn wir einen an
der biblischen Gerechtigkeit orientierten Umgang mit dem uns zur Verfügung
stehenden Geld anstreben, müssen wir uns immer die Frage stellen, ob damit dem
Wohlergehen (= Shalom) der Erde und ihren Geschöpfen gedient wird.
Die heute geforderte
Anlageethik will nicht eine seriöse Geldanlage unter ökonomischen
Gesichtspunkten über Bord werfen. Sie will jedoch ergänzende Ziele in die Diskussion
einbringen und auch ökonomische Kriterien hinterfragen.
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6. Kriterien und Beispiele
Im folgenden sollen
nun Möglichkeiten der Umsetzung der vorangehenden Aussagen aufgezeigt werden.
Dabei muss man sich von allem Anfang an klar darüber sein, dass verschiedene
Tatbestände, welche aus der Perspektive einer ethischen Position zunächst bedenklich
erscheinen, sich bei näherem Hinsehen eventuell doch rechtfertigen lassen und
dass andererseits die "ethisch saubere Anlage" real kaum existiert.
Bei allen Anlagearten besteht aber eine entsprechende Gestaltungsaufgabe. Diese
Einwirkungsmöglichkeit sollte aktiv wahrgenommen werden. Im gleichen Sinne
müssen auch unsere Beziehungen zu den Banken überprüft werden.
Von dieser
Einschätzung ausgehend ist es heute üblich, für Geldanlagen einen Negativkatalog
aufzustellen, das heißt eine Liste von Bereichen, in die keinesfalls
investiert wird. Inbezug auf Arbeitszweige und Organe unserer Kirche schlagen
wir folgenden minimalen Negativkatalog vor:
-
Keine Investition
in Staaten mit diktatorischen oder totalitären Regimes.
-
Keine Investition
in Firmen und Konzerne, die in der Kernenergie, Waffenproduktion und roter Gentechnologie
(= Gentechnologie an Mensch und Tier) tätig sind.
-
Keine Investition
in Umwelt und Menschen gefährdende Großprojekte.
Hingegen sollten
kirchliche Mittel dorthin fließen, wo positive- und lebensfördernde Wirkungen
verstärkt werden können. Wir schlagen folgenden minimalen Positivkatalog vor:
Arbeitszweige und
Organe der Kirche, sofern diese offen und transparent über ihre Anlagepolitik
informieren.
-
Investitionen in
Unternehmungen und Organisationen, welche Produkte und Dienstleistungen anbieten,
die im Sinne der biblischen Gerechtigkeit Zeichen der Hoffnung sind.
-
Liegenschaften,
wenn die Interessen und Bedürfnisse der Bewohner und Bewohnerinnen angemessen
berücksichtigt werden.
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7. Empfehlung
7.1 Absicht
Mit der untenstehenden Empfehlung werden alle Arbeitszweige und Organe
der Evangelisch-methodistischen Kirche eingeladen, ihre Geldanlagepolitik zu
überprüfen und entsprechend auszurichten. Die Empfehlung hat zwei Ziele,
nämlich einerseits die Initiierung einer Diskussionsrunde im entsprechenden
Arbeitszweig und andererseits eine Entscheidungshilfe für die Spender und
Investoren, welche Gelder in die vielfältigen Aufgaben unserer Kirche einsetzen
möchten. Wir erwarten, dass diese Empfehlung in allen Bereichen unserer Kirche
einen intensiven Denk- und Entscheidungsprozess auslöst.
7.2 Empfehlung
Wir stehen als
Arbeitszweig der EMK auch öffentlich zur Überzeugung, dass unsere Geldanlage
und Geldverwaltung auch ethischen Gesichtspunkten genügen muss. Wir anerkennen,
dass die Umsetzung ethischer Richtlinien eine Langzeitverpflichtung darstellt
und dass wir periodisch unser Geldanlage im Rahmen der fortlaufenden ethischen
Diskussion überprüfen werden.
-
Anlageethik:
Wir folgen der Empfehlung, unsere Geldanlage nicht nur nach ökonomischen
Grundsätzen zu gestalten, sondern unser Geld nach Möglichkeit auch gezielt
unter dem biblischen Horizont einer neuen Gerechtigkeit einzusetzen.
-
Offenheit:
Wir folgen der Empfehlung, die Finanzpolitik unseres Arbeitszweiges für Anleger
und Spender offen und transparent zu gestalten.
-
Diskussion:
Wir folgen der Empfehlung, unsere Geldanlage regelmäßig unter dem Gesichtspunkt
der gewünschten oder nicht gewünschten Mitwirkungen zu diskutieren und entsprechend
neu auszurichten."
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8. Literatur, Hinweise
-
Schweiz;
Katholischer Frauenbund und Evang. Frauenbund der Schweiz, Schritte ins Offene,
Nr 3/88, Der liebe Gott und das liebe Geld, Zürich, 1988
-
Schweiz.
Nationalkommission Justitia et Pax, Wie verantwortlich Geld anlegen, Anstöße zur Diskussion über kirchliche Geldanlagen, Bern, 1989
-
Schmidt-Biesalski
und G. Banzhaf (Hg.), Geld regiert die Welt, Ein Lese- und Arbeitsbuch, Peter
Hammer Verlag, Wuppertal, 1985
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